Schädlingsbekämpfungsmittel mit verheerenden Folgen für Bienen

Veröffentlicht am 2. Oktober 2018  |  

Vortrag von Prof. Dr. Randolf Menzel

Was Schadinsekten tötet, soll für Bienen und andere Organismen ungefährlich sein? Das mitnichten! In einem beeindruckenden aber zugleich schockierenden Vortrag zeigte Professor Dr. Menzel,  Biologie und Neurobiologie der Freien Universität Berlin, die Wirkmechanismen und Folgen des Einsatzes von Insektiziden in der Landwirtschaft und in privaten Gärten für die Bienen. Zahlreiche Imker aus dem Umland und Naturschützer waren am Freitag  in den Großen Saal des Hotels Telsemeyer gekommen, um den Ausführungen des Wissenschaftlers zu folgen.

Die wissenschaftlichen Untersuchungen bzgl. der Wirkmechanismen von Neonicotinoiden, Wirkstoffe, die in der Landwirtschaft als Beizmittel und Spritzmittel gegen Schädlinge eingesetzt werden bzw. wurden, da einige von ihnen inzwischen verboten sind, konzentrierten sich in erster Linie auf die Honigbiene. Jede Biene hat eine hohe Intelligenz, sonst könnte sie ihre Aufgabe im Bienenstock gar nicht erfüllen. Bienen haben nicht nur einen ausgeprägten Seh-, Riech- und Tastsinn, sie sind auch in der Lage zu kommunizieren und unter Verwertung aller Sinneswahrnehmungen zu abstrahieren. Als junge Biene muss sie erst Erkundungsflüge in die Umgebung ihres Stocks vornehmen, um sich die Landschaft einzuprägen unter Einbeziehung des sich im Laufe eines Tages verändernden Sonnenstandes, so dass sie immer zum Stock zurückfindet. Als erwachsene Arbeiterbiene muss sie den Sonnenkompass beherrschen, die Lage von Nahrungsquellen checken und schließlich noch mit dem Schwänzeltanz diese Informationen an ihre Kolleginnen im Bienenstock weitergeben. All das funktioniert wunderbar, solange die Biene nicht mit den giftigen Wirkstoffen belastet ist. Bei Aufnahme auch nicht tödlicher Dosen der Insektizide werden nachweislich Nerven geschädigt, so dass die Bienen die Orientierung verlieren und ihren Bienenstock nicht wiederfinden, andere brauchen sehr viel länger, um nach Hause zu kommen. Gedächtnisbildung und Gedächtnisabruf sind schon durch geringe Dosen eines Neonicotinoids gestört. Festgestellt hat man das in einem Experiment, in dem einzelne Bienen, aber in ausreichender Stichprobengröße, mit 12 mg schweren Transpondern besendert wurden. Mit Hilfe von Radarschirmen konnten ihre Flugbahnen nachvollzogen werden. Prof. Menzel betonte, dass es bereits viele Studien und Versuche gibt, die zu denselben Erkenntnissen führen, diese allerdings in der Vergangenheit trotz ihrer Wissenschaftlichkeit keinen Eingang in die Zulassungsverfahren gefunden hätten. Seiner Meinung nach ist nicht nur die tödliche Dosis für Bienen von Bedeutung, sondern ebenso die chronische Belastung der Insekten mit Neonicotinoiden. Sie nehmen diese Wirkstoffe auf bei der Pollen- und Nektarsammlung, durch Stäube, die sich auf die Blütenpflanzen legen, und durch Wassertröpfchen, die die Pflanzen bilden. Die schädigenden Konzentrationen an Neonicotinoiden in Pollen und im Nektar der Blüten sind so hoch, dass eine Nervenschädigung in wichtigen Gehirnzentren der Insekten nicht ausbleibt. Aber die Schädigung beschränkt sich nicht auf die bestäubenden Insekten. Neben den Honigbienen sind auch viele Wildbienen und Schwebfliegen betroffen, so Prof. Dr. Menzel. Nur 2 % bis 20 % des Wirkstoffes aus der Beize werden von den Kulturpflanzen aufgenommen, 80 % und mehr gelangen auf und in den Boden und schädigen dort unzählige weitere Bodenorganismen, es gelangt über Grund- und Oberflächenwasser auch in unsere Gewässer, wo weitere Lebewesen betroffen sind.

Nun sind Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam  seit 2018 im Freiland verboten, aber viele weitere Wirkstoffe sind ebenfalls giftig, wie z. B. Thiacloprid, das im Obst- und Gemüsebau gegen Schadinsekten eingesetzt wird und in dem für den Privatbereich zugelassenen Schädlingsbekämpfungsmittel Calypso enthalten ist. Auch das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat stört die Navigation von Bienen bei Dosen, wie sie in der Landwirtschaft Verwendung finden, so Prof Dr. Menzel.

Der Referent beantwortete in der anschließenden Diskussion die Frage nach den politischen Konsequenzen aus diesen schon länger bekannten und vermuteten Zusammenhängen: Zum einen würden diese durchaus wissenschaftlichen Ergebnisse nicht in das augenblickliche System der Agrar- und Chemieindustrie passen, zum anderen sehen sie sich als Wissenschaftler oft dem ungerechtfertigten Vorwurf ausgesetzt, in den Untersuchungen mit zu hohen Dosen zu arbeiten. Oft stünden wichtige Entscheidungen über Zulassungsverfahren auch im Zusammenhang mit Wahlen und der Einfluss von Lobbyisten wird deutlich. Prof. Dr. Menzel berichtete von einem Experiment in Frankreich, bei dem Landwirte auf den Einsatz von Neonicotinoiden weitestgehend verzichtet haben und nur bei starkem Schädlingsdruck die Mittel eingesetzt haben. Durch Fruchtwechsel und andere ackerbaulichen Maßnahmen konnte so auf 80 % des Einsatzes von Insektiziden verzichtet werden ohne wesentliche ökonomische Folgen. Nicht funktioniert hat dies bei Monokulturen wie Raps und Mais, wenn das Fruchtartenspektrum zu klein war. In Frankreich sind alle Neonicotinoide verboten, da auch ein Zusammenhang mit dem Auftreten von Parkinsonerkrankungen besteht. Für Alzheimererkrankungen sieht man ebenfalls eine Ursache in der Wirkung der nervenschädigenden Insektizidwirkstoffe, die sehr beständig sind und mittlerweile in unserer Nahrung und Umwelt verbreitet anzutreffen sind.

Die anwesenden Imker machen sich auch Sorgen um die Qualität des Honigs, eines der bisher gesündesten Lebensmittel. Dass diese Sorge berechtigt ist, machte Prof. Dr. Menzel an zwei Beispielen deutlich. Am Bodensee würden Berufsimker bereits die Region zur Obstblüte verlassen, um die Bienen nicht den Spritzmitteln auszusetzen, und er berichtete von einem Imker in Ostdeutschland, der seinen Rapshonig komplett entsorgen musste, da dieser die Grenzwerte des eingesetzten Insektizids überschritt. Der Nachweis der Schädigung durch Neonicotinoide sei für die Imker, besonders für die Hobbyimker außerdem schwer zu führen, was als Erklärung dafür zu sehen ist, dass sich die Hobbyimker in den vergangenen Jahren schwerpunktmäßig eher mit der Varroamilbe beschäftigt haben, statt den Wirkungen der Pflanzenschutzmittel nachzugehen. Die Milbe lässt sich mit bloßem Auge feststellen, für die Neonicotinoide bedarf es aufwendiger und teurer Analysetechnik und den richtigen Zeitpunkt, verendete Bienen, einzuschicken.

Den Zuhörern von Prof. Dr. Randolf Menzel wurde klar, dass „Neonics – schadet nix“ ein gewaltiger Trugschluss ist.

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