Unsere ANTL-Eiche – der Uhlenbaum in Recke-Langenacker

Ob wohl alle Mitglieder wissen, dass unser Vereinsemblem, die „ANTL-Eiche“, tatsächlich existiert? 1975 wurde sie von Otto Kimmel fotografiert und als Symbol trutzigen, zähen Lebenswillens von den Gründern der ANTL als ihr Zeichen gewählt. Noch immer steht sie am schmucken Fachwerkhaus der Familie Strootmann im Recker Ortsteil Langenacker an der Neuenkirchner Straße. Eine lange, bewegte Geschichte hat sie hinter sich, an der in den letzten Jahrzehnten die ANTL Anteil haben dürfte. Mit nach vorsichtiger Schätzung über 350 Jahren ist sie vermutlich

der älteste Baum in Recke. Seit mindestens vier Menschengenerationen ist sie völlig hohl. Der damals 87-jährige Leo Schürbrock, der mehr als fünfzig Jahre in dem dicht neben der Eiche stehenden Heuerhaus gelebt hatte, berichtete 1992 Horst Michaelis, wie er als Kind häufig in dem Baum herumklettern konnte. „Zusammen mit anderen Kindern spielten wir meist Schornsteinfeger. Wir mussten ungefähr drei Meter an Ästen hochklettern bis zu dem Eingangsloch, dann guckten wir von dort in den Eichenstamm rein. Im Ersten Weltkrieg hatten wir immer einen Sack Roggen in dem hohlen Baum versteckt. Plünderer und Hamsterer kamen gar nicht auf die Idee, dort zu suchen.“ Außerdem wusste Schürbrock, dass in jedem Jahr Eulen, in manchen Jahren auch Dohlen oder Elstern in der Eiche nisteten. Und eine Entdeckung von Leo Schürbrock lässt sich auch heute in jedem Jahr wieder beobachten: Im Frühling ist der Uhlenbaum eher grün, als alle anderen Eichen.

Auf Anregung der ANTL wurde die mächtige Stieleiche Anfang der neunziger Jahre vom Kreis Steinfurt als Naturdenkmal eingetragen, aber kaum hatte ein Vertreter der Unteren Landschaftsbehörde danach den Baum gründlich untersucht, wurde die Eiche wieder aus diesem Schutzstatus entlassen. Denn es wurde befürchtet, dass sie wegen ihrer geringen Substanz an festem Holz und ihrer Neigung auf das benachbarte Wohnhaus stürzen könnte. Und dafür mochte die Kreisverwaltung die Haftung nicht übernehmen. Auch der Besitzer des Baumes teilte nun diese Befürchtung und erwog, die Eiche zu fällen. Das rief natürlich die ANTL auf den Plan. Man holte sich den Baumexperten des Gartenbauamtes der Stadt Osnabrück, Thomas Maag, und hoffte, von ihm zu hören, dass der Uhlenbaum wohl noch weitere Jahrhunderte Wind und Wetter trotzen würde. Nach einer gründlichen Untersuchung war sein Urteil für die Naturschützer niederschmetternd: „Das ist ein echtes Naturwunder. Ehrlich gesagt, ich verstehe gar nicht, wie der Baum überhaupt noch aufrecht stehen kann!“. Nicht nur, dass die hölzerne Wand kaum noch zehn Prozent des Gesamtvolumens ausmachte, auch die Haltewurzeln des leicht schräg stehenden Baumes waren durch den früheren Brand eines dicht daneben stehenden Schuppens vernichtet. Aber so leicht wollte die ANTL ihren Logo-Baum nicht aufgeben. Da umfangreiche baumchirurgische Maßnahmen mit Stahlskelett und Beton mit über 10 000 D-Mark weder bezahlbar waren noch sinnvoll erschienen, wurde ein Konzept entwickelt, die Eiche mit Stahlseilen wenigstens so zu stabilisieren, dass sie nicht auf das Wohnhaus fallen konnte, sondern zur Seite. Man richtete eine Kostenanfrage an eine Fachfirma in Bremerhaven, die Masten mit Stahlseilen sichert. Aber auch danach erwies sich dieser Plan als zu teuer. Die damalige Geschäftsführerin der ANTL, Margret Stieger, verhandelte weiter mit der Firma, bot die tatkräftige Unterstützung von ANTL-Mitarbeitern an,  bis schließlich der Inhaber so von der Zähigkeit und dem Idealismus der Naturschützer beeindruckt war, dass er lediglich den Materialpreis und ein gemeinsames Abendessen ansetzte, denn er wollte persönlich mit seiner Frau am Wochenende nach Recke kommen und die gesamte Aktion anleiten. Als dann der Kreis Steinfurt und die Gemeinde Recke mit je 2000 D-Mark finanzieller Beteiligung mit ins Boot geholt werden konnten, startete die Aktion Anfang Februar 1993. Otto Kimmel kletterte als erster auf die ausfahrbare Leiter, die die Gemeinde Recke zur Verfügung gestellt hatte. Reinhold Niehaus und Rainer Seidl legten eine breite Textilmanschette mit drei Stahlringen hoch in der Baumkrone um den Stamm. Mit einem speziellen Presslufthammer trieben Manfred Niehaus und Konrad Stieger drei schwere eiserne „Kippdübel“, an denen je einem Stahlseil befestigt war, tief in den Boden. Mit einem umgebauten Lkw-Wagenheber wurden sie wieder soweit herausgezogen, bis sich die Anker spreizten. Die Edelstahlseile wurden in die Manschette am Stamm eingehängt. Jedes der Seile hält drei Tonnen Belastung aus, genug für den Baum, dessen Gewicht Thomas Maag mit acht Tonnen berechnet hatte.

Für lange Zeit blieb es nun ruhig um den ANTL-Baum, Fichten und Büsche wuchsen um ihn herum, so dass er heute von der Straße aus kaum noch zu sehen ist. Erst 2002 wurden die Naturschützer durch einen Anruf von Ingrid Strootmann aufgeschreckt, die um ihr Haus fürchtete, denn eines der Stahlseile sei gerissen. Vor Ort zeigte sich, dass es wohl von einem Mähgerät im Acker glatt durchtrennt worden war. Es  erwies sich als äußerst schwierig, das im Boden steckende Ende des Seiles und den eisernen Anker wiederzufinden. Schließlich wurde man auf Joachim Eickhoff aus Lingen aufmerksam, der sonst mit seinem Metallsuchgerät, einer Vallon-Sonde, im Boden liegende Reste von abgestürzten Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg ortet. Den Grundschulpädagogen reizte die Aufgabe und er kam umgehend nach Recke, um diese Aufgabe zu erledigen, und tatsächlich hatte er das Seil nach wenigen Minuten gefunden. Rainer Seidl wühlte es mit einer Wiedehopfhaue aus dem Ackerboden, und Reinhold Niehaus verband die beiden Seilenden mit eisernen Klemmen und einer dicken Stahlkette wieder sicher. So kann Ingrid Strootmann wieder beruhigt unter dem alten Uhlenbaum schlafen. Dieser wird im Frühjahr wieder als erste Stieleiche weit und breit grüne Blätter tragen, und die ANTL hofft, dass sie und der Verein noch weitere hundert Jahre allen Widrigkeiten und Stürmen trotzen möge.

 

Quellen:

  • IVZ vom 23.Okt. 1992, Artikel von Horst Michaelis
  • IVZ vom 15. Nov. 2002, Artikel von Jan-Herm Janssen
  • WN vom 15. Nov. 2002, Artikel von Joke Brocker